11.1.2010, Montag

Um 8:20 stehen wir einigermassen ausgeschlafen auf. Frühstück gibt es in unserem Hotel nur bis 9:30. Das Frühstück ist im Vergleich mit dem Verwöhnprogramm aus Shanghai und Beijing nicht so besonders, aber dafür kommen wir hier auch recht günstig unter, die Nacht für unter 60 Euro.

Wir brauchen heute einige Zeit, um uns zu organisieren. Mails beantworten, Texte einstellen, Wäsche zum Waschen geben (kostet soll uns zwar rund 50 Euro kosten, es sind aber auch rund 2/3 unserer Bekleidung und zum selber Waschen ist uns die Zeit zu schade). Wolle telefoniert noch mit Peter Hoffmann um zu klären, wann wir uns treffen.

Wir treffen uns mit Günter zu einem Streifzug zu einigen Sehenswürdigkeiten in der U-Bahn und fahren als erstes zum Longshan-Tempel 龍山寺 Lóngshānsì im Westen. Dieser ist sehr gut besucht, vor allem von Menschen, die dort tatsächlich ihren Glauben praktizieren. Der Tempel ist in sehr gutem Zustand, teils fast überfrachtet mit Ornamenten und Figuren. Mit "Glauben" ist das so eine Sache. Die Chinesen sind in dieser Hinsicht eher pragmatisch. Da wird vor einer Prüfung bspw. einer entsprechenden Gottheit ein Opfer dargebracht. Die Opfer sind meist symbolisch über Wortspielereien mit dem Wunsch, den man hat, verbunden. Der dicke Rettich steht wegen der Wortgleichheit zum Beispiel für den Wunsch nach Geld. Es geht aber auch viel einfacher: Anstelle dass man für den Toten ein aus Papier gebautes Haus oder Auto verbrennt, das der Tote dann im Jenseits verwenden kann, nimmt man einfach eine Kreditkarte aus Papier, dann kann der Tote im Jenseits ja alles kaufen, was er braucht. Na gut, das sind wohl eher Stilblüten. Mit Günter als unserem Old-Taiwan-Hand an der Seite, erhalten wir viel an Information, die uns sonst entgehen würde. Das ist schon ein ganz besonderer Luxus, den wir hier geniessen und wir sind uns bewusst darüber, welches Glück wir haben.

Anschließend bummeln wir durch den Wuhan-Distrikt, das älteste Wohngebiet in Taipei. In die Gassen mit Kräutern und Apotheken sollte man wohl noch einmal zu Nachtmarktzeiten. Wir spazieren zum sehr pompösen Tschiang Kai-Schek-Memorial 中正紀念堂 Zhōngzhèng jìniàntáng (Tschiang Kai-Schek, eigentlich 蔣介石 Jiǎng Jièshí wird auch 中正 Zhōngzhèng genannt), das in den letzten Jahren je nach politischer Richtung immer mal wieder eine Umbenennung und Umgestaltung des Platzes und der Halle selbst erfahren hat. Derzeit befindet sich der "Große Platz der Freiheit" (自由廣場 Zìyóu guǎngchǎng) mit dem früheren Diktator in einer spannungsgeladenen dialektischen Beziehung. Aber wahrscheinlich spiegelt sich auch hierin einfach nur eine pragmatische Haltung der Chinesen zu ihrer Geschichte wider. Günter erzählt auch von anderen Straßen, die je nach Regierung umbenannt oder wieder zurückbenannt wurden und von einer Ausstellung über die Demokratiebewegung, die eine Zeit lang im Memorial zu sehen war und nun wieder abgebaut wurde. In den Ausstellungsräumen des Memorials sind in erster Linie persönliche Gegenstände, zwei gepanzerte alte Limousinen und unglaublich viele Fotos von TKS mit allen möglichen Regierungschefs zu sehen. Nicht so spannend. Wir streifen bei unserem Spaziergang noch den Regierungssitz (der wie ein klassischs deutsches Rathaus aussieht und tatsächlich nach Günters Auskunft auch solche architektonischen Wurzeln hat) und den 2-28-Peace-Park 二二八和平公園 èrèrbā hépíng gōngyuán mit einem Denkmal zum Aufstand gegen die Misswirtschaft der nationalchinesischen Regierung 1947. Dann sind wir abgefüllt und auch insgesamt etwas stadtmüde. Wir gehen Tee trinken: Green Tea with QQ, das meint kleine Kügelchen aus Topinambur, die etwas wie Kaugummi schmecken. Zum Trinken verwendet man XXL-Strohhalme, denn die Kügelchen sind beinahe einen Zentimeter im Durchmesser. Da es Günters Lieblingsteeladen ist, verkosten wir noch einige Sorten bis nicht mehr Tee reingeht. Der Chef selbst brüht den Tee und erläutert geduldig die Besonderheiten der Zubereitung und die Geschichte des Tees. Wir kaufen für 3.739 TWD Mitbringsel, 700g Tee der besseren Sorten. Grüntee aus dem Umland von Taipei ist der einfachste davon (碧螺春綠茶 Bìluóchūn lǜchá). Das Wasser lässt man etwas abkühlen, da nur Blattspitzen verarbeitet werden und die sind empfindlich - zu heißes Wasser macht den Tee bitter. Die Sache mit dem ersten Aufguss, den man weggiessen soll, wird hier nicht praktiziert. Es hatte wohl doch früher eher hygienische Gründe. Man trinkt ihn kurz gezogen und kann ihn 3-4 mal aufbrühen. Der Hochland-Oolong (高山烏龍茶 Gāoshān Wūlóngchá) ist der beliebteste Tee in Taiwan, halb fermentiert und etwas kräftiger im Geschmack. Wir kaufen ihn aus der Region vom Sonne-Mond-See. Er zieht je nach Belieben etwas länger und kann bis zu 6 oder 7 mal aufgegossen werden. Man braucht weniger Tee oder mehr Wasser, da sich das Blattvolumen stark entfaltet. Der teuerste ist der Oriental Beauty (東方美人茶 Dōngfāng Měirénchá), ein Tee aus einer bestimmten Gegend, der von Insekten befallen und angesaugt wird. Dadurch verändert sich die Blattstruktur. Früher galt er als minderwertig bis jemand damit einen Verkaufsschlager landete. Als dies im Anbaugebiet bekannt wurde, mochte kaum einer glauben zu welchem Preis der Tee verkauft worden war und so hatte er den Beinamen Angebertee weg. Der Tee ist stark, fast schon wie Schwarztee, aber weniger fermentiert und mit einer deutlich süßen Note. Man kann ihn auch öfter aufgießen und je nach Geschmack ziehen lassen. Die Taiwanesen setzen ihn im Sommer auch kalt an und lassen ihn 6-8 Stunden im Kühlschrank ziehen - einen Versuch wäre es mal wert.

Zum Abendessen gibt es noch eine Nudelsuppe mit Rindfleisch 牛肉麵 niúròumiàn, scharf und sehr lecker und dann machen wir uns auf ins Hotel. Brigitte braucht eine halbe Stunde um die Zettel der Reinigung von der Wäsche zu pulen.

Leider hat es am Abend angefangen, ein wenig zu regnen.