6.1.2010, Mittwoch

Am späten Morgen gehen wir uns einigermassen ausgeschlafen und nach einem guten Frühstück zum Bund 外滩 Wàitān, um dort die im Kolonialstil gebauten alten Bank und Handelshäuser anzugucken. Für Brigitte ist dieser Teil Kolonial-Geschichte mehr oder weniger neu. Der Bund selbst wird komplett umgebaut, man kann nicht am Ufer schlendern oder den Blick nach 浦东 Pǔdōng geniessen. Auch die alten kolonialen Hochhäuser sind zu einem Teil noch Baustelle. Man stellt sich unweigerlich die Frage, wie das alles in fünf Monaten für die Shanghai Expo fertig sein soll. Aber (Wander-)Arbeiter laufen hier in recht großer Zahl herum. Wird schon klappen, muss wohl klappen! In allen Gebäuden, die bereits saniert sind, haben sich die großen internationalen Marken niedergelassen wie Boss, Zegna, Armani, D&G und die Taiwanesische Stardesignerin Shiatzy Chen 陈夏姿.

Ein chinesisches Paar bittet uns, ein Foto von Ihnen zu machen und Wolle versucht sich mal wieder in Chinesisch. Nach geraumer Zeit kommt dann doch wieder das Gespräch auf ein Teehaus, was wohl bedeutet, dass wir es nur mit einer etwas verfeinerten Masche der Abzockerei zu tun haben, bei der man in ein Teehaus gelotst wird, um dann dort eine völlig überhöhte Rechnung präsentiert zu bekommen.

Es gehört zu den weniger angenehmen Erscheinungen, dass man überall auf der Strasse doch immer wieder von Leuten angequatscht wird, die versuchen, einen über den Tisch zu ziehen. Insbesondere in der 南京路 Nánjīng lù wird man laufend von Leuten angequatscht, die einem alles Mögliche, vor allem aber Uhren verkaufen wollen. Wir haben mit Uhren nichts am Hut und es dürfte jedem klar sein, dass es bei den angebotenen Rolex um nichts anderes als Fälschungen handeln kann, aber wahrscheinlich tut es für den ein oder anderen eben auch eine gefälschte Uhr.

Über die 南京路 Nánjīng lù gehen wir in Richtung des mächtigen 世茂 Shìmào-Towers, der in den unteren 10 Etagen ein gigantisches Shop-in-Shop-Kaufhaus ist. Der nahe gelegene Volkspark 人民公园 rénmín gōngyuán bietet mittem im Tosen der Stadt eine kleine Oase der Ruhe und Entspannung, Chinesen stehen um Tische herum, auf den Karten oder Brettspiele gespielt werden. In der Nähe liegt das Shanghai-Museum, - hier steht wohl mehr oder weniger alles an historischen Werten, was nicht nach Taiwan mitgenommen wurde und gespendet, von ausreisewilligen Chinesen billig an die Regierung verkauft oder während der Kulturrevolution konfisziert wurde. Wir schauen uns dort die Bronzen, die Kalligrafien und die chinesischen Möbel an. Für viel mehr ist keine Zeit, da um 17 Uhr das Museum, das als eines der wenigen keinen Eintritt kostet, schliesst.

Wir treiben uns noch in den vielen Süssigkeiten- und Spezialitätenläden auf der 南京路 Nánjīng lù herum, die in ihrer Vielfalt einfach toll sind. Nichts, was es da nicht gibt. Nachdem wir einige Sachen gekauft haben, ein paar zum sofortigen Verzehr, andere für einen Nachtisch später im Hotel, suchen wir uns ein Restaurant für das Abendessen. Tja, leider haben wir dieses Mal kein so gut Händchen. Wir bekommen eine Extra-Ausländer-Karte, in der die Gerichte auch auf Englisch stehen, wobei die Preise auf dieser Karte wohl auch gleich mal verdoppelt sind. Leider dringt das nicht so schnell in unser hungriges Hirn vor. Es bringt einen Ausländer nicht gleich um, wenn er mal 25 Euro für ein Essen berappt, das ansonsten vielleicht nur 10 Euro kosten würde, aber Wolle ärgert sich doch ziemlich drüber, reingelegt worden zu sein.

Nun sind wir schon wieder lange auf den Beinen und es geht nur noch ins Hotel, mit ein paar Süssigkeiten zum Abendtee und dem Tagebuchschreiben als Abschluss des Tages.