8.1.2010, Freitag

Vorab etwas zum Frühstück in diesem Hotel: continental, chinesisch und japanisch: Croissants, Brot, Kuchen, Törtchen, Joghurts, Puddings, Milchreis und Säfte in vielen Varianten, Schinken, Käse, Eier in jeder denkbaren Form, auch in Salzlake eingelegt, Miso-Suppe, Reissuppe, Sojabohnenmilch, Gemüsesuppe (kann man sich selbst zusammenstellen und garen lassen), Baozi, Jiaozi, Ente, Huhn, Nudeln mit irgendwas, scharfe Fischrogenwürfelchen, frittierte Teigstäbchen und, und, und ...

Auch heute gehen wir es wieder etwas später an. Wir sind doch erkältungsmässig etwas angeschlagen. Eigentlich wollen wir erst mal auf die Nanpu-Bridge (南浦大桥 Nánpǔ dàqiáo), um zu schauen, wie der Blick von dort auf die Stadt wirklich ist, nachdem man schon so viele Fotos gesehen hat von der spektakulären spiralförmigen Auffahrt über zwei oder drei Ebenen. Aber der Aufzug wird seit Oktober letzten Jahres "repariert". Ob er wohl zur Expo fertig sein wird?

So fahren wir weiter mit der U-Bahn rüber nach 浦东 Pǔdōng und gehen dort die teilweise 100m breite 世纪大道 Shìjì dàdào ("Jahrhundert-Avenue") in Richtung des Finanzviertels 陆家嘴 Lùjiāzuǐ entlang. Es gibt an dieser riesigen Strasse in regelmäßigen Abständen kleine, abgetrennte Gartenpavillons - sehr beschaulich. Abstecher zum Jinmao-Tower und SWFC (Shanghai World Financial Center) stehen selbstverständlich auf dem Programm. Das sind schon ganz schön erschlagende Gebäude. Der Jinmao-Tower (金茂大厦 Jīnmào dàshà) ist 421m hoch, der SWFC (上海环球金融中心 Shànghǎi huánqiú jīnróng zhōngxīn) 492m. Wir beschliessen jedoch erst später, wenn das Licht etwas besser und es vielleicht nicht mehr ganz so diesig ist, auf den Pearl-Tower (东方明珠塔 Dōngfāng Míngzhūtǎ "Perle des Ostens") mit einer Gesamthöhe von 468m hochzufahren. Nachdem wir dann doch schon wieder eine ganze Weile auf den Beinen sind, beschliessen wir auf der Restaurant-Ebene der Super Brand Mall 正大广场 Zhèng dàguǎngchǎng essen zu gehen und danach in einem Starbucks noch einen Cafe Latte 拿铁咖啡 nátiě kāfēi zu geniessen. Danach fahren wir auf den Pearl-Tower hoch (100 元 Yuán pro Person). Die Aussichtsplattform ist in einer Höhe von "nur" 263 m. Ein paar Meter darunter können ganz mutige über eine frei konstruierte Aussenplattform mit Glasbodenplatten über den Abgrund gehen. Nicht unser Ding. Wir halten uns ganz innen auf den Betonplatten auf und die tapfere Brigitte macht ein Bild durch den Glasboden nach unten. Der Rundumblick ist nicht so besonders, der Shanghai-Smog lässt das nicht zu. Zumindest sehen wir aber mal, wie weit sich die Stadt ungefähr ausdehnt (sind ja auch 18 Mio Menschen!) und wie sich der Fluss (黄浦江 Huángpǔjiāng) durch Shanghai schlängelt und welch grosses Aufkommen an Transportschiffen sich auf ihm bewegt. Wieder runter vom Turm schlagen wir uns zu Uferpromenade durch (die Zugänge sind etwas schwer zu finden, erstaunlich eigentlich) und wandern diese noch etwas entlang. So allmählich beginnt es zu dämmern und wir überlegen, ob wir nicht noch eine Weile warten sollen, bis die allabendlichen Beleuchtungsorgien in vollem Betrieb sind. Das Abwarten versüssen wir uns mit einem Green-Tea-Latte (技茶拿铁 jìchánátiě; welch kuriose Globalisierung der Sprache) in einem weiteren Starbucks direkt an der Promenade mit Blick auf den Bund. Hier kommt Wolle mal mit dem iPhone ins Internet und wir schreiben Günter noch rasch eine Mail nach Taipei, nachdem wir oben auf dem Pearl-Tower an der Beschriftung erfahren haben, dass es nur noch ca. 680 km dorthin sind.

Natürlich geniessen wir auf dem Rückweg zur Metrostation das Lichterwirrwarr auf beiden Seiten des Flusses und machen wieder viele Aufnahmen, die wir am Abend gleich durchschauen und dabei die überflüssigen Fotos löschen. Kaum zu glauben, dass wir meist viel mehr Fotos gemacht haben, als wir dann online stellen bzw. übrig lassen.

Da wir schon Mittags reichlich gegessen und noch einige Süssigkeiten auf dem Hotelzimmer gebunkert haben, beschliessen wir, ins Hotel zurückzufahren per Metro über die 南京路 Nánjīng lù. Einen kleinen Abstecher gönnen wir uns noch. Wir wollen noch die Plakate vor dem Geschäft der taiwanesischen Modedesignern Shiatzy Chen 陈夏姿 fotografieren, da dieses eines der wenigen Trend-Mode-Label ist, das chinesische Models einsetzt. Natürlich gehen wir auch in den Laden hinein, damit die Verkäuferinnen nicht ganz nutzlos da drinnen rumstehen.

Das einzige Teil, das Brigitte gefällt, ist ein Röckchen für umgerechnet 420 Euro. Und direkt vor dem Laden schuften die Bauarbeiter. Ein Wanderarbeiter, so haben wir gelesen, verdient etwa 600 bis 900 元 Yuán im Monat, das sind gut 60 bis 90 Euro. Davon schickt er noch 5 bis 10 nach Hause. In Shanghai wird ja gerade für die Expo geschuftet, wir vermuten, in 2er Schichten und somit wird dann scheinbar auch noch die 5 qm roße Behausung von 4-6 Leuten im Schichtwechsel zum Schlafen genutzt. Gekocht wird auf der Straße. Die Kontraste sind einfach erschreckend groß.

Im Hotel warten ein Tee und ein ruhiger Abend auf uns.