7.1.2010, Donnerstag

Heute kommen wir wieder nur langsam in die Gänge. Aber wir sind ja auch im Urlaub, da darf man das.

Wir machen uns vom Hotel aus in Richtung Süden auf. Wir wollen in die alte Chinesenstadt (südliches 黄浦 Huángpǔ), die sich von der kolonial geprägten Gegend um den Bund historisch und baulich abhebt.

Auf dem Weg treiben wir uns eine ganze Weile in einem Kaufhaus 福佑门商厦 Fúyòumén shāngshà in der 福佑路 Fúyòulù (Jinling donglu?) herum, in dem schon eine Menge Geschäfte auf den Bedarf für das chinesische Neujahr vorbereitet sind. Vorherschende Farbe ist daher rot. Wir kaufen ein paar Glücksbringer und Wolle übt sich ein wenig im Feilschen.

In diesen Strassenzügen wurden früher Seeleute geschanghait. Das heisst, nach einer durchzechten Nacht wachte so mancher an Bord eines Schiffes auf, das bereits in See gestochen war und musste dann geraume Zeit quasi als Sklave schuften.

Wir wollen uns tagsüber auf keinen Fall in irgendwelche Kaschemmen und in solche Gefahr begeben, sondern bummeln durch die alte Chinesenstadt und trödeln so in das Areal um den 豫园 Yùyuán, den Yu-Garten. Anscheinend sind wir trotz unseres späten Aufbruchs vom Hotel doch noch sehr früh unterwegs, denn die Verkäufer haben so gar kein Interesse an uns und erst später fangen die üblichen "Hello, hello!"- oder "Lu-ke! Lu-ke!"-Lockrufe (letzerer für Englisch "Look, Look!") wieder an. Wir genehmigen uns zur Stärkung einen kleine Mondkuchen und an einem begehrten Stand mit langer Warteschlange noch eine Portion (16 Stk.) sehr leckerer 虾粉小龙 Xiāfěn xiǎolóng. Die ganze Ecke ist ziemlich nett herausgeputzt und es sind neben uns auch jede Menge chinesische Touristen und doch auch einige Ausländer unterwegs.

Wolle übt sich im Chinesich und scherzt mit den Mondkuchen-Verkäufern, quatscht eine Oma mit ihrer Enkelin auf dem Arm an, die der Kleinen chinesische Worte beibringt, worauf Wolle meint, dass sie eine sehr gute Lehrerin sei!

So gestärkt gehen wir in den Yu-Garten 豫园 Yùyuán, der wirklich eine wundervolle und sehenswerte Anlage ist, mit vielen Pavillons, steingesäumten Wegen, Teichen und alten Bäumen in der man immer wieder neue Blicke und Ansichten geniessen kann. Sicher ist die Anlage im Frühjahr, wenn alles blüht noch schöner. Wir lassen uns im Garten treiben.

Da das davor gelegene Teehaus gerade auch im Hinblick auf die Expo kernsaniert wird, wählen wir das Starbucks für eine Milchteepause (奶茶 nǎichá), um zu überlegen, wo es an diesem Tag weitergehen soll.

Wir entschliessen uns, in Richtung Westen durch die 方浜中路 Fāngbāng zhōnglù zu schlendern. Belebte Gassen, viele kleine Läden und Garküchen. Mittlerweile sind wir auch den Shanghaier Verkehr gewohnter. Am ersten Abend in Shanghai konnten wir von Glück sagen, dass wir nicht platt gefahren wurden. Mittlerweile wissen wir, dass rote und grüne Ampelphasen mehr oder weniger nur einen groben Anhaltspunkt für Fussgänger und Autofahrer geben. Zwar gibt es gelegentlich auch mal Verkehrshelfer, die versuchen mit Autorität aufzutreten, aber einfach gemacht wird es ihnen auf keinen Fall.

Wir kommen dann ins Zentrum des Stadtteils 卢湾 Lúwān, der komplett restauriert und fein gemacht wurde, ausgerechnet dort wo die KP Chinas gegründet wurde (中共一大会址 Zhōnggòng yīdà huìzhǐ). Es ist die Gegend 新天地 Xīntiāndì. Hier treiben sich auch schon die schickeren Menschen rum - was in Hamburg die Alster-Barbie ist hier das Shanghai-Baby.

Wolle hat einen kleinen Durchhänger. Die leichte Erkältung und vielleicht etwas zu wenig zu Trinken im Laufe des Tages macht ihm zu schaffen. Brigitte organisiert kurz entschlossen in einem sehr fein aussehenden und elegant eingerichteten Laden (greenmassage/青專業按摩, hier die Xintiandi Branch 新天地店 Xīntiāndì diàn) eine Fussmassage, die erstaunlich günstig ist. Man kann aus einer Angebotskarte (Englisch: "Menu") auswählen, was man möchte. Wir entscheiden uns für die normale Fussmassage über eine Stunde für 98 元 Yuán, das sind etwa 10 Euro. Die Fussmassage läuft ähnlich ab wie in Beijing und ist genauso erholsam. Mit frischen Füssen machen wir uns danach auf die Suche nach Essbarem. Nicht dass es hier in Shanghai irgendeinen Mangel daran gäbe. Man muss einfach immer nur die richtige Strasse finden. Die Strasse, die wir suchen und finden, ist die 寿宁路 Shòuníng lù (in der Verlängerung der 大境路 Dàjìnglù). Dort gibt es vorwiegend Flusskrebse, Langostinos, Austern und ähnliches im Angebot. Wir müssen erst zweimal die Strasse durchwandern, bis Wolle sich dazu durchringen kann, an einem Laden zu fragen, was es zu essen gibt, wieviel es kostet und all die anderen Details, die bei der Essenauswahl so anfallen zu klären. Karten gibt es hier nämlich keine. Also wohl rote Langostinos, scharf oder nicht so scharf, und Flusskrebse. An die normalen Krebse wagen wir uns nicht dran - Wolle erklärt der Chefin, dass wir nicht wissen, wie wir die essen sollen. Wir wählen eine Portion Flusskrebse und und eine Portion Langostinos und gehen in den 1. Stock (nach chinesischer Zählung ist das der zweite Stock) des Lokals, in dem wir uns nur mit eingezogenen Köpfen bewegen können. Ziemlich ruckzuck stehen die fertigen Krebse in Plastikschüsseln auf dem Tisch. Unsere Mitesser in dem Raum versorgen uns mit Plastikhandschuhen und Servietten (denn: "die wissen das doch nicht"), fragen, ob wir, wie einige andere eine Schürze haben wollen und los geht die Riesen-Ferkelei. Sehr lecker! Brigitte ist glücklich. Das Lokal 红梅龙虾 Hóngméi lóngxiā ist zu in der 寿宁路27号 (Shòuníng lù 27 hào).

Als wir gehen, meint eine Chinesin vom Nebentisch noch, wir seien zu gross für den Raum. Wolles Antwort, dass der Raum eher zu niedrig für uns ist, bekommt sie leider nicht so richtig mit.

Wir schliessen den Abend noch mit einem weiteren Schlenker um das Yu-Garten-Areal 豫园 Yùyuán ab, in dem gerade schon wieder tote Hose ist, was aber wieder den Vorteil bietet, dass wir recht ungestört durchbummeln können. Durch einige Gassen mit Garküchen und Marktständen machen wir uns dann sehr bald zurück ins Hotel.