3.1.2010, Sonntag

Es schneit kräftig in Beijing - wir gehen es also etwas langsamer an heute. Nach dem Frühstück ein kleiner Rundgang durchs Hotel. Es findet heute eine Hochzeitsfeier statt. Die Anfahrt des Hochzeitspaares in der Strech-Limousine, welche mit lautem Geböllere angekündigt wurde, war nicht zu überhören.

Der Schnee verspricht für die Chinesen ein fruchbares und erfolgreiches Neues Jahr. Alle positiven Zeichen werden als solche interpretiert, auch wenn das Neue Jahr der Chinesen ja eigentlich erst im Februar gefeiert wird.

Wir machen uns im Schnee auf zur U-Bahn in Richtung Himmelstempel 天坛公园 Tiāntán. Der Park um den Himmelstempel 天坛公园 Tiāntán gōngyuán und der Himmelstempel selbst (wie üblich muss man für beides getrennte Eintrittkarten kaufen, aber die Preise sind absolut moderat für unsere Verhältnisse, in der Regel nicht mehr als 1 Euro für den Park und für die Sehenswürdigkeit 2-3 Euro) im Schnee zu erleben, ist ein besonderes Erlebnis, auch für die Chinesen, so dass doch viele Leute hier sind und ihren Spaß haben. Eine Bemerkung von Wolle über eine Dame, die sich dekorativ für ihre Begleiter unter einem verschneiten Baum in Pose wirft, führt dazu, dass er mit ihr gemeinsam abgelichtet wird. Am Eingang zum Himmelstempel hat die Kartenlöserin einen dicken Schneeball in der Hand. Eine scherzhafte chinesische Bemerkung und schon schenkt sie den Schneeball Wolle - wahrscheinlich ist es nur verboten, ihn zu werfen. Die Gebäude hier sind schon beeindruckend schön, die Bauweise faszinierend: dicke Holzbalken als Dachkonstruktion wie auch als Säulen. Überall ist es scheissglatt und man muss höllisch aufpassen, besonders beim Treppensteigen. Hilfreich sind nur die langen Streifen aus Sackleinen, die auf den Treppen und auf besonders glitschigen Stellen liegen. An einem besonders beliebten Foto-Punkt, von dem man durch das Tor geschützt vor dem Schneefall den Himmelstempel fotografieren kann, hat sich eine Gruppe von Amateuer- oder Profifotografen eingefunden, die diesen seltenen Anblick festhalten wollen (einer mit einer Linhof, einer Großbild-Plattenkamera). Brigitte wird von einem älteren Herrn auf Englisch angesprochen und nachdem sich Wolle auf Chinesich einmischt ist schon nach kurzer Zeit wieder eine neue Freundschaft geschlossen. Dieser Ausflug ist wunderbar, macht Spass. Die Chinesen würden sagen, "hén hǎowánr" 很好玩儿!

Nach dem Himmelstempel 天坛公园 Tiāntán machen wir noch einen kurzen Abstecher in den benachbart liegenden Perlenmarkt (红桥珍珠市场 Hóngqiáo zhēnzhū shìchǎng). Wir schauen uns einige schöne Perlen an, aber Brigitte beschliesst, doch nichts zu kaufen. Da wir uns mit Jing am Nachmittag noch mal verabredet haben und am Morgen erst spät losgekommen sind, müssen wir uns dann auch schon wieder sputen, um rechtzeitig ins Starbucks beim Solana 蓝色港湾 Lánsè gǎngwān zu kommen. Auf dem Weg sehen wir noch so kuriose Dinge wie einen Angestellten, der vor eine Wohnanlage den mit Plastikpflanzen begrünten Streifen an der Strasse mit einer Schaufel vom Schnee befreit.

Es ist toll, Jing noch mal zu treffen. Wir haben zwar nur eine Stunde Zeit mit ihr, da sie ihre Tochter von einem Geburtstag abholen muss, aber diese Stunde nutzen wir intensiv um über alle wichtigen Themen zu reden. Jing ist toll drauf und ist ein echter Schatz. Bleibt zu hoffen, dass der Kontakt in nächster Zukunft nicht wieder abbricht. Das wäre zu schade!

Jing hat für uns einen Termin für eine Fussmassage ausgemacht und bringt uns hin. Es ist grade um die Ecke. Es erwarten uns 70 Minuten Erholung und Entspannung. Die Massage ist manchmal ganz schön intensiv, aber unglaublich wohltuend und die Zeit geht doppelt so schnell vorbei wie man denkt. Wir werden in ein Extra-Zimmerchen auf Liegesessel gepackt, bekommen dann Schüsseln mit heissem Wasser unter die Füsse gestellt (und wenn hier heiss steht, dann ist auch echt heiss gemeint!), in denen wir uns nach 5-10 Minuten tatsächlich auch die Füsse hineinzutauchen und drin zu lassen wagen. Danach gute 45 Minuten harte Handarbeit an den Füssen. Uns würden schon nach fünf Minuten die lahmen Hände abfallen. So im Detail haben wir unsere Füsse noch nie gespürt. Nach der Fussmassage gibt es dann noch eine kurze Rückenmassage und wir sind völlig durchgewalkt und entspannt. Das Ganze kostet unglaubliche 10 Euro pro Person!

Wir entschliessen uns, danach erst mal nur die paar Schritte in die Kaufhaus-Mall Solana 蓝色港湾 Lánsè gǎngwān zu schweben und uns dort im Food-Court etwas zu Essen zu holen. Den Food-Court hatten uns Uwe, Jing und Mulan empfohlen. Von den zur Auswahl stehenden Essen gibt es auf allen Seiten des Courts Auslagen. Man braucht im Prinzip nur darauf zu deuten, was man haben möchte. Allerdings muss man, um das dann auch zu bekommen, über ein Chipkarte verfügen, die man zuvor an der Kasse erwirbt - das herauszufinden, dauert ein wenig. Man zahlt einfach eine bestimmte Summe und bekommt diese auf einer Karte gutgeschrieben. Dann kann man sein Essen holen. Teilweise wird es erst zubereitet und ausgerufen - da die Ausrufe nicht leicht zu verstehen sind, müssen wir Blickkontakt halten. Der Betrag wird von der Karte runtergebucht und so man kann sich an verschiedene Ständen etwas zu Essen und zu Trinken besorgen. Was man nicht von der Karte verbraucht, bekommt man an der Kasse wieder ausgezahlt. Eigentlich ein genial einfaches Verfahren.

Nach dem Essen fahren wir mit der U-Bahn zum Olympischen Zentrum (Olympiapark 奥林匹克公园 Àolínpǐkè gōngyuán) mit "Vogelnest" 鸟巢 niǎocháo und Schwimmhalle. Die Gebäude sind in der Nacht recht eindrucksvoll illuminiert (einen Tip, den wir von Bran, einem Mitfahrer auf der Tour an die Große Mauer bekommen haben) und dann erst richtig fotogen. Bei dem vielen Schnee (fast 20 cm) bekommen wir besondere Fotoansichten - zumal es jetzt gerade aufhört zu schneien. Mit uns sind ganz viele Chinesen unterwegs.
Auf dem Rückweg fahren wir noch am neuen Gebäude des Chinese Central Television (CCTV) 中央电视台 Zhōngyāng Diànshìtái vorbei, das aber noch im Bau ist und nicht angestrahlt wird und deshalb in der Nacht nicht zu fotografieren ist. Wir nehmen uns vor, gleich am nächsten Morgen noch mal hin zu fahren.

Wir haben so rumgetrödelt, dass wir in den Betriebsschluß der U-Bahnen geraten. Eine fährt schon nicht mehr und wir kriegen eine letzte andere U-Bahn vor Toresschluss noch bis zur Wangfujing - ein letzter eisiger Fußmarsch zum Hotel raubt die letzten Reserven des heutigen Tages, so dass wir gegen Mitternacht nur noch ins Bett kippen - selbst das Ritual der heissen Dusche entfällt.