2.1.2010, Samstag: Tour zur Großen Mauer (长城 Chángchéng) und zu den Minggräbern

Peking zeigt sich heute morgen etwas verschneit. Es sind nur ein paar Zentimeter, aber es sieht sehr schön aus. Für heute haben wir eine Tour zur Großen Mauer 长城 Chángchéng und zu den Minggräbern 明朝十三陵 Míngcháo Shísān Líng über das Hotel gebucht. Der Preis (350 元 Yuán pro Person entspricht in etwa 37 Euro ist einigermassen moderat (Englischsprachiger Guide, Eintritt, Mittagessen sowie Abstecher zu einer Jade-Verarbeitungsfabrik, natürlich mit Verkauf, und einer Teezeremonie, natürlich ebenfalls mit angeschlossenem Verkauf). Die Gruppe mit 10 Personen ist noch übersichtlich. Leider bedeutet es für uns heute um kurz nach 6 Uhr aufzustehen und zu frühstücken, da es bereits um 7:30 Uhr losgehen soll. Auf dem Weg in die Berge um 八达岭 Bādálǐng macht die Steigung den LKWs auf grund der Glätte doch ziemlich schwer zu schaffen, in einigen Kurven wird von irgendwelchen Menschen Sand unter die Räder geschaufelt, damit die Wagen weiter kommen. In den touristischen Orten, die sich an der Strecke bzw. bei den Zugängen zur Großen Mauer befinden, sind Arbeitsbrigaden mit Schneeschaufel und Reisig-Besen dabei die Straßen und Parkplätze zu räumen. Schweres Räumgerat wie in Deutschland? Fehlanzeige!

Die Mauer bei 八达岭 Bādálǐng ist im Winter sinnvoll nur über die Seilbahn zu erreichen. Wenn man zu Fuß den Hügel hoch wollte, müsste man schon deutlich mehr Zeit mitbringen, als die 2 eingeplanten Stunden. Die Seilbahn kostet noch mal 60 元 Yuán pro Person. Leider ist das Englisch des Tour-Guide-Mädels nicht so besonders, aber man kann sie einigermassen verstehen.

Nach der Fahrt mit der Seilbahn bietet sich ein nettes Panorama. Glücklicherweise ist über den Bergen die Sonne rausgekommen; kalt ist es trotzdem und auf der Mauer ziemlich rutschig. Es zahlt sich aus, dass wir recht früh unterwegs sind, denn die Massen kommen später, als wir schon wieder auf dem Weg nach unten sind. Aber erst mal der Weg nach oben! Rutsch und schlitter. Man muss sich an den Stellen, die keine Stufen haben, sondern nur schräg und ziemlich steil sind wirklich an den Geländern hochziehen. Eine Frau rutscht locker mal 6-7 Meter nach unten ab. Aber es ist trotzdem ein grosser Spass für alle, besonders dann das spätere hinunterrutschen: Eine neue Sportart, das Mauerrodeln ist erfunden. Man kommt mit den anderen Leute leicht in Kontakt und Wolle quatscht wie üblich alle möglichen Leute auf Chinesisch an und macht Scherze. Leider haut es Brigitte an einer Stelle auch hin und es gibt wohl einen ordentlichen blauen Fleck am Knie. Insgesamt aber ein wunderbares Vergnügen!

Weiter geht es dann zu einer Jade-Manufaktur mit einem riesigen Verkaufsraum - alles ziemlich häßlich. Es gibt nur wenige Stücke, die hübsch sind, aber - wie sollte es anders sein - in keiner Weise in unserem Budget liegen. So gibt es rote und grüne halbdurchsichtige Schalen. Wunderschön, aber auch ziemlich teuer (gerne mal so um die 1000 Euro).

Angeschlossen an den Jade-Verkaufsraum ist das Restaurant. Wie praktisch! Wir bekommen dort aber doch ganz leckeres Essen. OK, ein Nudelladen wäre uns lieber gewesen, aber so ist es auch gut. Mit einem tschechisch-spanischen Ehepaar (sie, Tschechin, kann Englisch, er allerdings nicht) waren wir vorher schon ins Gespräch gekommen und schmeissen dann auch gemeinsam die Unterhaltung am Mittagstisch. Es gibt noch eine Frau aus Moskau und ein älteres Ehepaar mit erwachsenem Sohn (vermutlich Koreaner), zwei Israelis (Vater und Sohn) und einen Indonesier mit chinesischen Wurzeln (namens Bran), der in Singapur lebt.

Nach dem Essen geht es weiter an eines der Ming-Gräber (景陵 Jǐnglíng von Kaiser 康熙 Kāngxī, Regierungszeit 1662-1722) mit einer großen Ehrenhalle und einem Grab-Gebäude. Leider nicht ganz das, was wir uns erhofft hatten, wollten wir doch eigentlich auch gerne die Skulpturen auf dem Weg der Seelen 神道 Shéndào sehen (da gibt es unter anderem einen wunderschönen Elefanten!), aber ein Gang über das gesamte Gelände ist leider nicht eingeplant. Na gut, es soll ja ein nächstes Mal geben, zumindest hat uns das unser Guide versprochen, nachdem wir mit dem richtigen Fuss zuerst durch ein Tempel-Tor zurückgegangen sind.

Die gut einstündige Rückfahrt in die Stadt verplaudert Wolle mit dem Indonesier. Die kleine Reisegruppe hat zuvor abgestimmt, dass noch ein Besuch in einem Teehaus erfolgen soll. Klar, dass das auch eine Verkaufsveranstaltung ist, aber die Erklärungen der "Teezeremonie"-Dame sind doch hilfreich und nach der Verkostung kaufen wir hier auch etwas Tee.

Zurück im Hotel sind wir gegen 16:15, legen erst mal Pause ein und tragen unser Tagebuch nach.

Später gehen wir noch mal auf die Suche nach einem Lokal. Wir halten uns parallel zur 王府井 Wángfǔjǐng (östlich von dieser) und schauen immer mal wieder in eine der Gassen 胡同 hútòng. In einer Gasse gab es einen ziemlich schweren Unfall mit drei ziemlich demolierten Autos und einem Mopedfahrer, der umringt von einer Menge Schaulustiger dreissig, vierzig Meter weiter liegt. Ziemlich merkwürdig und unerklärlich die ganze Szenerie, da man sich das in einer Straße vorstellen muss, in der gerade mal ein Auto durchkommt. Man möchte in Peking oder China überhaupt keinen Unfall haben. Nach einem längeren Weg ohne Essenslokale an der Hauptstrasse oder der davon abgehenden 胡同 hútòng finden wir endlich eine Gasse mit gut besuchten Lokalen (das oberste Auswahlkriterium). Beim Reingehen guckt Wolle schon mal auf die anderen Tische und bestellt das Essen in dem brodelnden Topf vom Nachbartisch. Das bekommen die beiden Tischnachbarn mit, von denen sich dann herausstellt, dass es sich um einen Engländer mit seiner vietnamesischstämmigen Frau handelt, die ebenfalls etwas Chinesisch sprechen kann. Es ergibt sich ein längeres Palaver. Die Beiden wollen am folgenden Tag an die Große Mauer fahren. Ein hervorragend englischsprechender Chinese von einem Nebentisch, von dem sich später herausstellen, dass er in Neuseeland und Australien studiert, wendet aber ein, dass es an den folgenden Tagen so viel Schnee geben soll, so dass es nicht möglich sein wird, an die Große Mauer zu fahren, geschweige denn, diese zu besteigen. Was für ein Glück, dass wir heute unterwegs waren.

Leider hat unsere Essenswahl einige Nachteile: es dauert etwas lange. Ausserdem ist das Entenfleisch so wie es die Chinesen gerne mögen: Einfach kleingehackte Ente, komplett mit Knochen und allem, da hat man echt richtig Arbeit und wenig Ausbeute. Aber es ist toll gewürzt und hat eine schöne Schärfe und macht warm. Das reicht fürs Erste.

Die drei Chinesen vom Nebentisch wenden sich uns dann noch ein paar Mal zu, wollen uns zu hochprozentigem Schnaps überreden und geben sich selbst die Kugel. Eine witzige Runde, die allerdings recht schnell ziemlich besoffen ist. Einer der Kumpels, der nicht so gut Englisch kann, lallt schon, aber es bleibt alles völlig harmlos. Später überlegen wir uns, ob wir noch ein paar 饺子 Jiǎozi essen wollen. Unser Tischnachbar mischt sich gleich wieder ein, kann aber auch nichts mehr erreichen, den 饺子 Jiǎozi sind alle. Wir verzichten auf eine weitere Bestellung und beschliessen auf dem Rückweg noch einen kleinen Schlenker auf den Nachmarkt bei der die 王府井 Wángfǔjǐng kreuzenden Straße (东安门大街 Dong'anmen dàjiē) zu machen. Dort gibt es dann auch noch eine Art gedämpfte 饺子 Jiǎozi, dann noch ein paar angebratene 饺子 Jiǎozi und zum Abschluss noch Erdnussbällchen (花生丸 huāshēngwán). Dass sind zerstossene Erdnüsse in einem kleinen Teigbällchen mit einer ein wenig zähen Teigmasse. Etwas süss das Ganze und recht lecker. Nun, auf jeden Fall haben wir heute auch wieder eine Menge Spass gehabt.