1.1.2010, Freitag

Das neue Jahr hat für uns recht ruhig begonnen. Kein Geknalle. Hat auch was für sich. Trotzdem sind wir ein wenig müde.

Wir haben uns heute erst mal einen Spaziergang über die 前门大街 Qiánmén dàjiē (大街 dàjiē = Hauptstraße) vorgenommen, südlich des "Vorderen Tores" (前门Qiánmén), die kurz vor den olympischen Spielen komplett neu auf alt getrimmt aufgebaut wurde und dann weiter durch die 大栅栏 Dàzhàlan, einer alten Einkaufstraße, mit einigen seit Ende des 18. Jahrhunderts existierenden Läden. In dem Seidenladen haben wir eine knallrote wattierte Weste für Brigitte gekauft. Wir sind mal wieder die Sensation für die vielen auswärtigen Chinesen, die sich in dieser Gegend auch gerne vergnügen. Es werden von den Umherstehenden schon mal fachmännische Kommentare zu Brigittes Wahl abgegeben oder auch mal eine Weste vom Kleiderhaken genommen und Brigitte angehalten.

Danach machen wir einen Abstecher in eine chinesische Apotheke. Es gibt dort Dinge, die man in einer deutschen Apotheke nie finden würde. Am Eingang kann man sich zu seine Wehwehchen an Tischen beraten lassen. Wie weit diese Beratung geht, können wir allerdings nicht beurteilen. Wolle hätte ja gerne noch länger fotografiert, aber als wir in der Etage mit den - sagen wir mal - leistungssteigernden und lebensverlängernden Mittelchen waren, wurde er von einem Uniformierten ermahnt keine Fotos zu machen.

Weiter geht unser Spaziergang in Richtung Südwesten vorbei an Wohnsilos von der Art "Ostblock", aber auch Neubaugebieten mit Luxuswohnungen, die von Wanderarbeitern aus dem Boden gestampft werden. An einer Ecke die ärmsten Müllsammler und Mülltrenner, an der nächsten Ecke die Verkaufsveranstaltung für eine geplante Neubau-Hochhaussiedlung. Wir wollen zu einem buddhistischen Tempel, dem 法源寺 Fǎyuánsì, der neben der buddhistischen Gesellschaft liegt und in Benutzung ist. Ganz in der Nähe gibt es eine Moschee und ein moslemisches Zentrum und drumherum entsprechende Läden. Für die Moschee reichte die Zeit nicht mehr, dafür aber noch für ein paar 包子 Bāozi für jeden, die wir frisch von den Herstellern beziehen. So gestärkt machen wir uns wieder Richtung 前门 Qiánmén auf. Dabei durchqueren wir noch die 琉璃厂 Liúlíchǎng, eine Gasse mit Antiquitäten- und Kalligrafiegeschäften.

Am 前门 Qiánmén angekommen, werfen wir uns das erste Mal in das Abenteuer U-Bahn in Peking. Die U-Bahn erfahrene Brigitte findet sich schnell zu recht und es ist auch denkbar einfach und günstig. Für gerade mal 2 元 Yuán (das sind so um die 24 Cent) bekommt man eine Fahrkarte für eine Person, mit der man beliebig weit fahren und beliebig oft umsteigen kann. Man durchquert eine Sperre, indem man die kodierte Karte dranhält und beim Verlassen der U-Bahn-Station steckt man die Karte bei der Sperre in einen Schlitz. Wir müssen zweimal umsteigen, um zu der U-Bahn-Station in der Nähe des Cafe "The Bookworm" (老书虫, 朝阳区  三里屯南路4号楼) zu kommen, wo wir uns mit Freuden treffen wollen. Beim ersten Umsteigen wird es brechend voll in der U-Bahn - es gelingt Wolle trotzdem ein Foto über die Köpfe zu machen. Wir kommen nur eine viertel Stunde zu spät ... Riesige Wiedersehenfreude zwischen Jing und Wolle, das letzte Treffen ist ja auch schon zehn Jahre her! Trotzdem hat Wolle auch Uwe, Jings Mann, sofort wiedererkannt. Jings Tochter Mulan ist mittlerweile 12 und überragt Jing um gute 5-10 Zentimeter. Nach einem kurzen Aufenthalt im Cafe (Brigitte trinkt den ersten Kaffee des Urlaubs) ziehen wir durch die Strassen. Erst mal führt uns Jing in das 三里屯 Sānlǐtún-Village, ein In-Einkaufszentrum, in dem auch der proppenvolle Applestore liegt. Auch DVDs zu lächerlichen Preisen und eine Menge anderer Schnickschnack sind hier zu finden. Sehr gerne von ausländischen Schnäppchen-Jägern frequentiert, aber nicht unbedingt unser Ding. Trotzdem kauft Brigitte zwei DVDs und eine CD - man kann bei den Preisen einfach nicht wiederstehen.

Danach essen wir in einem einfachen aber sehr guten Restaurant und sind ziemlich ausgelassen. Es ist schön, Jing nach so langer Zeit mal wiederzusehen. In einem anderen, sehr edlen und teuren Einkaufzentrum "Solana" (蓝色港湾 Lánsè gǎngwān, 朝阳公园路), liegt auch eine weitere Buchhandlung, in der Jing neben ihrem eigentlichen und dem Cafe Bookworm ein weiteres "Büro" betreibt!

Mit dem Taxi geht es dann so gegen 22:00 Uhr zurück, denn wir haben für den nächsten Tag ja schon was vor. Abends noch die obligatorische heisse Dusche und mit den den vielen Eindrücken des Tages, den irrwitzigen Unterschieden zwischen Arm und Reich und natürlich auch dem Erlebnis des Wiedersehens ab ins Bett.