Donnerstag, 12.09.2013

 

Wir schlafen heute lange, beinahe bis 9 Uhr. Langsam lassen wir den Tag beginnen. Wir holen meine Wäsche ab und lassen uns von der kettenrauchenden Hostel-Chefin Kimeta über die Kriegszeit in Sarajevo (1993-1997) erzählen. Sie hat die gesamte Zeit in Sarajevo selbst erlebt und z.B. 2 Jahre lang ihre Eltern und Geschwister nicht mehr gesehen. Eine Zeit lang war Sarajevo komplett abgeschlossen, nur ein geheimer Tunnel führte unter dem Flugfeld des Flughafens hindurch und bot etwas Durchlässigkeit. Fünf Jahre lang hätte kein Mensch mehr den benachbarten Hauptplatz um den Türkischen Wasserbrunnen (‪Sebilj‬) betreten wegen der Heckenschützen (Sniper). Ihr Sohn hat diese Zeit als Vierjähriger erlebt, aber glücklicherweise keine Erinnerung mehr daran. Es gab oft kein fließendes Wasser. Eine schlimme Zeit. Und niemand kann wirklich erklären, wie es dazu kam. Die Menschen leben hier einfach zusammen, es gibt keine Probleme zwischen den Ethnien hier, sagt sie uns.

Ob das wirklich stimmt, können wir natürlich nicht nachprüfen, aber auf den Straßen durchmischen sich die Ethnien hier zahlreich und die Übergänge scheinen fließend. Man sieht viele junge, selbstbewusste Frauen mit islamisch gebundenem Kopftuch auf der Straße, in den Cafes. Sie sitzen zusammen mit Jungen in ihrem Alter und scherzen, wie das auch die jungen Erwachsenen in Deutschland tun. Aber es gibt auch genauso viele rein westlich gekleidete Frauen und oft sind Gruppen zu sehen, in denen sich die Stile mischen.

Trotz des Regens schlendern wir durch die Straßen. Zwischendurch wird der Regen aber so heftig, daß ich einen Regenschirm kaufe und wir uns dennoch in einem Lebensmittelmarkt mit vielen einzelnen Verkaufsständen mit Schinken und Käse flüchten. Dort treffen wir auf ein älteres Ehepaar aus Singapur, das bereits ganz Europa bereist hat. Ich spreche sie an und frage, ob sie Chinesisch sprechen und bringe ein wenig mein Mandarin an. Wir wechseln aber schnell zurück auf das Englische, denn sie sagen, daß ich besser Chinesisch könne als sie. Wir unterhalten uns dann noch eine ganze Zeit lang mit ihnen vor dem überdachten Vorplatz des Marktes, bis der Regen ein wenig nachlässt.

Wir machen noch Abstecher zur Ali-Pasha-Moschee und verkriechen uns vor dem Regen in der Kunstakademie (dort schauen wir aktuelle Studentenarbeiten an zum Thema Buchumschläge) und in einem weiteren studentischen Cafe.

Nach einem leckeren Essen (Brasse gegrillt) im Restaurant "To be or not to be", in dem wir gestern bereits gespeist haben, schlendern wir weiter in Sarajevo herum und kommen unter anderem in den Stadtteil Alifakovac, der von einem wunderschön gelegenen islamischen Friedhof einen herrlichen Blick über die Stadt bietet.

Nach weiterem Herumschlendern landen wir in einem Cafehaus/Teehaus, in dem eine ausgelassen entspannte Atmosphäre herrscht, wie beinahe überall hier. Auch hier sitzen kopftuch tragende junge Frauen in großer Zahl zusammen mit modern westlich gekleideten Geschlechtsgenossinnen und gleichaltrigen jungen Männern um die Tische herum und sind entspannt freundlich im Umgang miteinander. Wir geben uns dieser entspannten Stimmung gerne hin. Der Tag war zu regnerisch, um wirklich viel zu unternehmen. Wir haben uns einfach nur treiben lassen.

Ich sitze dann noch ein wenig alleine in dem Teehaus/Cafehaus mit dem Namen ‪Cafe slastičarna‬ divan mit dem multikulturellen Publikum und begeistere mich am Anblick dieser orientalischen Schönheiten, die mit ihren Kopftüchern umrahmten feinen Gesichstzügen aussehen wie Madonnenbilder und sich doch kaum einen Deut anders benehmen als junge Deutsche gleichen Alters, die wir in unserem Bekanntenkreis kennen. Sie rauchen, trinken, plaudern, lachen laut. Und sicher verfügen sie über eine ausgezeichnete Bildung.

Mein Mitfahrer ist aufs Zimmer gegangen, um eine Dusche zu nehmen und wir haben uns in einer Stunde im Hostel verabredet. Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit mit einem weiteren türkischen Tee und mit meinen Notizen, auch wenn es beinahe ein Frevel ist, hier alleine zu sitzen.

Daher gehe ich dann bald auch ins Hostel, um mit Brigitte noch über ein Videogespräch zu kommunizieren. Bald kommt auch meine Mitfahrer und wir machen uns auf in das Stadtzentrum. Er will das Basketballspiel Italien gegen Slowenien sehen. Die Italiener verlieren. Ich chatte derweil mit Brigitte und schicke ihr noch einige Fotos, da ich in der Kneipe auch mal wieder WIFI habe.

Zum Abschluß gehen wir noch in einen Cevapcici-Imbiß und nehmen noch eine Kleinigkeit zu uns. Das war es aber dann auf mit diesem Tag. Sehr relaxt.